Spuren am Tatort
Foto: dpa
|
Nach der Attacke bot sich den Opfern ein Bild des Grauens. »Wie ein Schlachtfeld« habe der Platz vor dem Kulturhaus von Halberstadt ausgesehen, sagt Michael R. Der 30-jährige Musiker war in einer Inszenierung der »Rocky Horror Picture Show« am Bergtheater Thale engagiert und hatte in der Nacht vom 8./9. Juni 2007 gerade die gelungene Premiere gefeiert, als er und seine Kollegen von Rechtsextremen brutal zusammengeschlagen wurden. Es gab zerfetzte Lippen, ausgeschlagene Zähne und Unmengen Blut. Man hätte, sagt der Gitarrist, »schon blind sein müssen, wenn man die Schäden nicht hätte sehen wollen«.
Die zwei Polizisten, die nach einem Notruf zum Tatort fuhren, sahen sie nicht. Es sei nicht zu klären gewesen, ob es Verletzte gegeben habe, zitierte die Linksabgeordnete Gudrun Tiedge gestern in einem Untersuchungsausschuss des Magdeburger Landtags aus einem Polizeiprotokoll: »Gegenüber den Beamten hat sich keine Person als Geschädigter zu erkennen gegeben.« Die Polizisten stellten daher zunächst nur Personalien fest. Erste Hilfe, sagt der Tänzer Julian A, habe man ihm nicht angeboten.
Gravierende Versäumnisse der Polizei wurden bereits direkt nach dem Überfall angeprangert; ein Untersuchungsbericht attestierte den Beamten massive Fehler. Nun beschäftigt das Thema einen Ausschuss im Landtag, der sich seit Oktober 2007 mit Pannen bei der Polizei im Umgang mit Rechtsextremismus befasst. Bisher ging es etwa um Vorwürfe, in Dessau seien Ermittlungen gegen Rechts von Polizeiführern ausgebremst worden. Der Halberstädter Überfall ist vermutlich der letzte Komplex, der vor der Landtagswahl im März 2011 noch abgearbeitet werden kann, wozu zwölf Schauspieler und 19 Polizeibeamte als Zeugen geladen sind. Deren Aussagen widersprechen sich teils gravierend.
Laut Polizeiprotokollen trafen Streifenwagen binnen Sekunden nach dem Notruf am Tatort ein; Michael R. schildert, das erste Fahrzeug sei nach einer Viertelstunde »sehr bedächtig« vorgefahren. Erregten Hinweisen darauf, dass sich einige Täter noch in Sichtweite aufhielten, seien die Beamten nicht nachgegangen. Die Rechtsextremen »liefen ruhig herum«, erinnert sich Julian A: Sie hätten das Gefühl gehabt, dass sie »keine Angst haben mussten«. Den später festgestellten Haupttäter ließ die Polizei wieder laufen. Nicht zuletzt wegen der Ermittlungspannen gestaltete sich der Prozess in Halberstadt äußerst schwierig. Im Mai 2008 wurde ein 23-Jähriger zu zwei Jahren Haft verurteilt, drei Mitangeklagte wurden mangels Beweisen aber freigesprochen.
Einige Opfer leiden derweil weiter an den Folgen: »Richtig heilen kann man so etwas nicht«, sagte Michael R. gestern. Zudem korrigiert auch der Landtagsausschuss nicht das verheerende Bild, das die schludrige Polizeiarbeit hinterließ. Nach drängenden Fragen von CDU-Seite etwa zu seinem Alkoholkonsum in der Tatnacht erklärte Julian A., er habe den Eindruck, dem Gremium sei mehr daran gelegen, seine Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, als Vorwürfe gegen die Polizei aufzuklären. An Sensibilität ließ es der Ausschuss in jedem Fall fehlen: A., der französischer Staatsbürger ist, erhielt komplexe Ausschussdokumente nur in der deutschen Fassung zugeschickt. Dafür, dass wenigstens gestern eine Übersetzerin anwesend war, sorgte erst seine Anwältin.
Das ND hat den Hintergrund des Rückzugs von Kasdorf übersehen
Die Opfer eines deutschen Offiziers in der Nacht des Ramadan vom 3. zum 4. September 2009.
Das Tagebuch des Jeremy-Maria zu Hohenlohen-Puntiz
Preis: 15,99 €
Preis: 10,00 €
13:00 Uhr, Berlin